Ich habe eine Zeit lang geglaubt, ich wäre einfach schlecht im Leben, So wie damals in Mathe.
Andere Menschen schafften acht Stunden Arbeit, Sport, Einkaufen, Freunde treffen und kochten sich abends noch etwas mit Quinoa.
Ich war stolz auf mich, wenn ich nach dem Einkaufen nicht spontan beschloss, einfach im Kühlregal zu wohnen.
Irgendwann kam Human Design in mein Leben.
Und plötzlich war da dieser Satz:
„Du bist eine mentale Projektorin.“
Meine erste Reaktion?
„Aha. Und wo bekomme ich jetzt den Umtauschbeleg?“
Als ich mein Design zum ersten Mal in einem sog. Chartrechner sah, dachte ich tatsächlich, das Bild lädt noch.
Alle laufen Marathon. Ich suche die nächste Parkbank.
Wenn man als Nicht-Energietyp durch eine Welt läuft, die hauptsächlich von Generatoren gebaut wurde, kann man schnell auf die Idee kommen, mit einem selbst stimme etwas nicht.
Überall hört man: „Du musst einfach machen.“ und „Dranbleiben, es lohnt sich.“ oder auch gerne „Disziplin schlägt Talent.“
Interessant.
Mein Nervensystem hätte dazu gern eine Gegendarstellung.
Denn ich kann leisten, nur eben nicht konstant.
Und genau darin liegt die Verwirrung.
Es gibt Tage, da reiße ich gefühlt Bäume aus.
Und am nächsten Tag überlege ich ernsthaft, ob Zähneputzen heute wirklich Priorität hat.
Das ist in etwa so verlässlich wie die Deutsche Bahn, das ist mir schon klar.
Also muss die Kernaufgabe eines Projektors offensichtlich in etwas anderem bestehen als "Schaffe, schaffe, Häusle baue".
Projektoren sind Wahrnehmungstypen und bei korrekter Einladung durch andere in der Lage, die notwendigen Energien zu lenken. Sie sind u.a. wie geschaffen dafür, vor allem Generatoren an die richtigen Stellen zu bringen, wo sie dann durch ihre Arbeit tief befriedigt sind.
Das Problem war nicht die Energie, sondern der ständige Vergleich.
Früher dachte ich ständig: Warum schaffen die anderen mehr?
Heute frage ich mich eher: Warum denke ich, eine schlechte Kopie eines Generators sein zu müssen?
Es ist so sinnvoll wie ein Goldfisch, der sich vorwirft, nicht gut auf Bäume klettern zu können.
Dabei hat mir Human Design keine Ausrede geliefert, aber es hat mir eine andere Fragestellung geschenkt.
Statt „Wie werde ich wie die anderen?“ geht es um
„Wie funktioniere ich eigentlich wirklich?“
Das ist ein erstaunlicher Perspektivwechsel.
Vor allem, wenn man jahrelang versucht hat, ein Betriebssystem zu installieren, das mit der eigenen Hardware nie kompatibel war.
Authentisch sein klingt romantischer, als es ist.
Es gibt diesen gut gemeinten Satz: „Sei einfach du selbst.“
Ich weiß nicht, wer ihn erfunden hat, aber ich vermute, er war kein mentaler Projektor.
Denn authentisch zu sein bedeutet manchmal auch, Dinge zuzugeben, die gesellschaftlich so beliebt sind wie Rosinen im Kartoffelsalat.
Zum Beispiel:
Ich brauche mehr Pausen als andere.
Ich kann Menschen lieben und trotzdem ihre Gesellschaft gerade nicht aushalten.
Gute und wichtige Entscheidungen brauchen bei mir viel mehr Zeit als bei den meisten Menschen.
Ich bin nicht faul und auch nicht unmotiviert.
Ich funktioniere einfach anders.
Das klingt wunderschön, nicht wahr?
Bis man versucht, es zu leben.
Denn Authentizität kostet Achtung und Anerkennung, die ansonsten wie selbstverständlich da sind.
Man enttäuscht Erwartungen, weil man häufiger nein sagt.
Oder man enttäuscht sich selbst, weil man es mal wieder nicht geschafft hat.
Man hört auf, sich ständig mit Menschen zu vergleichen, deren Energiesystem völlig anders arbeitet.
Und plötzlich mögen einen nicht mehr alle.
Ganz fies: oft beteuern sie vollstes Verständnis, doch in dem Moment, wo es um die eigenen Belange geht, ist es mit dem Verständnis für "no energy today" nicht mehr weit her.
Insgesamt ist das ein überraschend hoher Preis für einen Instagram-Kalenderspruch.
Es geht gar nicht darum, mehr Energie zu haben.
Ich beobachte oft, dass wir im Human Design dieselbe Falle bauen wie überall sonst.
Generator.
Manifestor.
Projektor.
Reflektor.
Kaum kennen wir unseren Typ und überzeugt uns Human Design, fangen wir an, noch mehr Wissen darüber zu sammeln
Wie geht es noch authentischer, wie noch richtiger. Wo sind die Lernthemen, wo finde ich mein Trauma?
Tiefes Wissen darüber, wie man noch mehr im eigenen Design einrasten kann.
Tja, selbst aus Selbsterkenntnis machen wir ein Leistungsprojekt.
Das eigentliche Geschenk des Human Design ist aber ein anderes:
Es geht darum, es im täglichen Leben anzuwenden,
Sonst sind wir alle irgendwann Theorie-Weltmeister, aber eben nur Umsetzungsamateure.
Human Design ist ein Kaninchenbau an Informationen für jeden Lebensbereich. Es ist von einer Komplexität, die alles übertrifft, was an bisherigen Lehren unsere Welt bereichert hat.
Doch Erkenntnis ist nur der erste Schritt. Klar, wir brauchen Bewusstheit, denn was uns nicht bewusst ist, können wir nicht verändern.
Aber ich kann mir nicht nur denken, dass ich mentale Projektorin bin. Ich muss es leben.
So wie ein sakraler Generator anfangen muss, sich fragen zu lassen und seinen Reaktionen zu trauen.
Das kann nicht im Geist stattfinden, das muss gelebt werden.
Das bedeutet übrigens nicht, dass ich jetzt alles richtig mache.
Ganz im Gegenteil.
Ich überschätze meine Energie regelmäßig.
Ich denke immer noch gelegentlich, ich müsste einfach disziplinierter sein, obwohl ich 7 offene Zentren habe.
Und dann erinnere ich mich daran, dass ich keine Maschine bin.
Nicht einmal ein besonders gut programmierter Toaster.
Ich bin ein Mensch ....mit einem ganz eigenen Rhythmus.
Ich bleibe trotzdem manchmal herrlich unvernünftig.
Es gibt übrigens einen bittersweeten Haken an der ganzen Geschichte.
Nur weil ich weiß, wie ich funktioniere, heißt das nicht, dass ich mich immer daran halte.
Ich werde auch in Zukunft Dinge tun, von denen ich weiß, dass sie mich Energie kosten.
Ich werde Turniere tanzen.
Zu lange mit Herzensmenschen zusammensitzen.
Mich in Gesprächen verlieren, die mich faszinieren.
Und manchmal werde ich mich wieder wundern, warum der Mann mit dem Hammer so plötzlich kam.
Nun, ein erfülltes Leben ist eben nicht immer energiesparend.
Vielleicht besteht Authentizität gar nicht darin, alles perfekt nach seinem Design zu leben.
Sondern zu wissen, wann man bewusst von der Lehre abweicht.
Aus Freude ..... und in meinem Fall, um die Erfahrung zu machen.
Das fühlt sich gut an - nach Freiheit.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieser Folge:
Wie viel Kraft investieren wir jeden Tag eigentlich nicht ins Leben selbst – sondern in den Versuch, jemand zu sein, der wir nie waren?
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