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Nein sagen - warum es im Privatleben schwerer ist als im Beruf

„Kannst du noch schnell…?“

Vier Wörter.

Grammatikalisch harmlos.

Für Menschen mit einem gewissen Hang zur Harmonie allerdings ungefähr so konsequenzenreich wie die Frage, ob die beste Freundin zugenommen hat.

Im Job bin ich erstaunlich klar.

„Dafür habe ich aktuell keine Kapazität.“

„Das passt zeitlich erst nächste Woche wieder.“

„Dafür nenne ich dir eine andere Ansprechpartnerin, die in diesem Bereich spezialisiert ist.“

Professionell, souverän und fast ein bisschen beeindruckend.

Privat hingegen läuft mein Grenzmanagement offenbar über eine völlig andere Abteilung.

„Klar, kein Problem, kriegen wir hin.“

Wir? Wer ist wir?

Ich bin es. Ich kriege es hin.

Und ärgere mich anschließend darüber, dass niemand meine Grenze respektiert hat, die ich sorgfältig geheim gehalten habe.

 

Beruflich heißt es Priorisierung. Privat heißt es Egoismus.

Im Job gilt ein Nein inzwischen fast als Zeichen guter Selbstführung.

Wer Grenzen setzt, kennt seine Ressourcen und wer priorisiert, arbeitet professionell.

Wer nicht jede Aufgabe übernimmt, hat vermutlich ein Seminar in Leadership besucht.

 

Privat ist die Lage komplizierter.

Da heißt ein Nein plötzlich: Du willst deine Familie nicht unterstützen?

Du hast keine Zeit für deine Freunde?

Ist irgendwas mit Dir? Du bist so abweisend.

Und niemand muss diese Sätze überhaupt aussprechen. 

Mit erstaunlicher Kreativität übernimmt das mein Verstand.

Denn im Privatleben lehnen wir nicht nur eine To Do ab.

Wir glauben, wir lehnen den ganzen Menschen ab.

"Ich bin gerade nicht Willens und in der Lage zu helfen" transformiert sich pathologisch zu:
Ich bin keine gute Tochter, Freundin, Partnerin oder sonstige gesellschaftlich relevante Bezugsperson.

Ein "Ich will heute für mich bleiben" verwandelt der Cortex ratzfatz in ein:
Bald werde ich einsam sterben, weil ich einen Grillabend abgesagt habe.

Grenzen setzen kann erstaunlich dramatisch werden, wenn das eigene Gehirn das Drehbuch schreibt.

 

Nähe macht aus einem Nein schnell eine Charakterfrage

Im Job sind Rollen meistens klar. Es gibt Zuständigkeiten, Arbeitszeiten, Verträge und im Idealfall sogar eine Stellenbeschreibung.

In Familien und Freundschaften existiert nur ein unsichtbares Regelwerk, das offenbar irgendwann erstellt wurde, als wir nicht dabei waren.

Zugehörigkeit zum Rudel fordert seinen Tribut. Tu was für den Stamm, dann hast Du eine Chance zu überleben. Tu nichts für den Stamm und du wirst in Wildnis und Einsamkeit sterben. Dieses epigenetische Erbgut tragen wir unverändert mit uns. 

Man hilft sich. Man ist füreinander da. Man meldet sich. Man kommt mit. Man sagt nicht wegen jeder Kleinigkeit ab.

Interessanterweise steht nirgendwo, wie oft oder wie lange.

 

Oder bis zu welchem Grad der eigenen Erschöpfung.

 

So wird aus Nähe schleichend automatische Verfügbarkeit.

Das liegt nicht daran, dass andere Menschen grundsätzlich zu viel verlangen (zumindest tun sie es nicht absichtlich).

Wir sagen nur selbst nicht oft genug, wo unserer Grenze ist. Geschweige denn, dass diese Grenze tagesformabhängig ist.

Stattdessen hoffen wir, dass andere es merken.

Eine Strategie mit ungefähr derselben Erfolgsquote wie Gedankenübertragung.

 

Das teuerste Ja ist das, das man eigentlich nicht geben wollte

Ich kenne diese Jas. Man könnte sagen, ich bin jahrzehntelang der Prototyp des automatischen Jas gewesen. 

Diese Jas klingen freundlich, gerne auch mal enthusiastisch.  

„Ja klar, mache ich total gerne.“

„Überhaupt kein Problem, her damit.“

Während meine Lippen noch soziale Kompetenz in Worte formen, beginnt innerlich bereits die cortisol-geschwängerte Buchhaltung.

Wie lange dauert das? Warum habe ich zugesagt? Wann kann ich wieder gehen? Wieso fragt eigentlich immer jeder mich?

Warum in Dreiteufelsnamen bin ich so eine Idiotin???!?!

 

Das ist der Moment, in dem ein Ja Zinsen bekommt.

Bezahlt wird dann später.

Kapitalrückzahlung ist möglich in den Währungen Gereiztheit, Erschöpfung und Rückzug.

 

Manchmal auch in einer passiv-aggressiven Spülmaschinenbeladung, für die objektiv betrachtet niemand etwas kann.

Das eigentlich Unfaire daran ist: mein Gegenüber weiß häufig gar nicht, dass ich Nein sagen wollte.

Es hat gefragt und ich habe zugesagt.

Das größte Dilemma ist, dass ich es in der Regel aus zwei Gründen getan habe, die tief, tief verwurzelt als Überlebensstrategien meinen Autopiloten programmiert haben.

1. die Hoffnung auf Anerkennung für ein Opfer, von dem niemand wusste, dass ich es gebracht habe. Oder

2. Fawning als Anpassungsreaktion zur Vermeidung möglicher Konflikte, die mein System immer als Bedrohung empfindet (Rudelausschluss und so)

 

Kommunikativ betrachtet waren/sind diese Jas jedenfalls nicht mein stärkster Moment.

 

Ein Nein braucht keine Verteidigungsrede

Ich habe lange geglaubt, ein gutes Nein müsse wasserdicht begründet sein.

„Ich kann leider nicht, weil…“ und dann folgt eine Erklärung, die ausführlicher ist als das deutsche Umsatzsteuergesetz.

Termine, Arbeitsbelastung, familiäre Verpflichtungen, tote Hunde, die ich nie hatte oder vielleicht ein ärztliches Attest.

Hauptsache, mein Gegenüber kommt nicht auf die Idee, ich hätte einfach keine Lust.

Denn keine Lust scheint im Erwachsenenleben ein moralisch fragwürdiger Zustand zu sein.

Dabei ist eine Grenze kein Tribunal.

Ich darf Nein sagen, bevor ich völlig erschöpft bin.

Halt, ich korrigiere.

Ich MUSS Nein sagen, BEVOR ich völlig erschöpft bin.

 

Ich darf etwas nicht wollen, ohne den anderen abzuwerten.

Und ich darf enttäuschen.

Dieser letzte Satz gefällt mir übrigens bis heute am wenigsten.

Doch Grenzen setzen bedeutet manchmal genau das.

Jemand ist enttäuscht.

Jemand hatte sich getäuscht, als sie/er dachte, mich mit dieser Aufgabe oder Anfrage zu betrauen. 

Und eben jene Täuschung wird mit meinem Nein aufgedeckt - eine Ent-Täuschung.

 

Mein wunderbarer Lehrer im Human Design System hat einmal einen Satz formuliert, der - für den Fall, dass die Enttäuschung des Gegenübers als unpassende Reaktion ausgedrückt wird:

"Es tut mir leid, dass du dich getäuscht hast!"

 

 

Damit ist im Grunde alles ausgedrückt. Alles gesagt und alles kommuniziert.

Niemand muss sich für sein Nein oder die dahinterliegenden Gründe rechtfertigen. 

 

Vielleicht ist ein Nein manchmal die ehrlichere Form von Nähe

Wir reden viel darüber, authentisch zu sein.

Echt und nahbar. Unser wahres Selbst leben.

Gerade mein innig geliebtes Human Design System vermittelt genau das. 

Doch es ist keine Schön-Wetter-Wissenschaft, die elegante Wege zur Kompromissbereitschaft zeigt.

Es zeigt schonungslos die etlichen Jas, die hätten ein Nein sein müssen.

Und es lädt ein zu einem Leben mit sich selbst in Kompromisslosigkeit. Denn das ist notwendig, damit man vom Außen wirklich als das erkannt werden kann, was man ist. 

In den meisten Fällen unseres Alltags sollte hier meiner Ansicht nach ein NEIN vermittelt werden. Wir tun zu viel von dem, was wir nicht sollen, wollen oder können. 

Doch zeigen wir - respektvoll und wertschätzend - wo unsere Grenzen liegen, kann Verbindung entstehen. 

Wirkliche Nähe kann kaum entstehen, wenn ich ständig eine Version von mir präsentiere, die mehr Kapazität vorgibt als ich tatsächlich besitze.

Dann bekommt mein Gegenüber nicht mich, sondern den Kundenservice meines Nicht-Selbst (Nicht-Selbst ist Human Design Slang und trifft den Nagel wirklich auf den Kopf).

 

Machend, es rockend, es schnell noch erledigend ...und innerlich kurz vor Feierabend.

 

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Abgrenzung und Ablehnung.

Ablehnung sagt: du bist mir nicht wichtig.

Eine Grenze sagt: ich bin mir wichtig. 

 

Nun, das klingt zunächst wenig spektakulär, bis man versucht, es zu leben.

Denn ein ehrliches Nein verändert Beziehungen.

Manche werden klarer, manche entspannter und andere schwieriger.

Auf jeden Fall zeigen alle zügig, ob die Verbindung wirklich auf Nähe beruhte – oder hauptsächlich auf unserer ständigen Verfügbarkeit.

Seitdem versuche ich, mir vor einem Ja eine andere Frage zu stellen.

Nicht: „Kann ich das irgendwie noch schaffen?“

Sondern:

„Welchen Preis zahle ich, wenn ich jetzt Ja sage, obwohl ich Nein meine?“

Gerne auch:

Nicht: "Was gewinne ich dazu, wenn ich das jetzt tue?"

Sondern: "Was erspare ich mir, wenn ich das abwähle?"

 

Die Antwort ist manchmal unangenehm. Anfangs sogar immer, denn unser Gehirn rebelliert gegen die neue Strategie, weil sie unsicher ist. Ja-Sagen war eine Sicherheitsstrategie des Systems. Nein-Sagen ist wie die Mutter, die das Kind zum ersten Mal alleine in die Schule gehen lässt. 

Doch über kurz oder lang ist es deutlich günstiger als die Quittung, die uns People Pleasing beschert.

 

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