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Ich habe keine Zeit für mich - obwohl ich viel Freizeit habe

„Ich habe heute endlich mal Zeit für mich.“

Diesen Satz sage ich erstaunlich oft.

Und erlebe ihn erstaunlich selten.

Denn offensichtlich reicht es nicht, dass mein Kalender frei ist.

 

 

Mein Nervensystem hat da offenbar ein Wörtchen mitzureden.

Vielleicht ist Me-Time in meiner Welt wie WLAN im ICE der Deutschen Bahn.

Theoretisch eine gute Idee, praktisch schwer zu kriegen.

 

Me-Time also.

Dort, wo wir endlich Zeit für uns haben –
und sie damit verbringen, Wäsche zu falten, Nachrichten zu beantworten und zu überlegen, wann wir uns eigentlich entspannen wollen.

 

Zeit ≠ innere Verfügbarkeit

 

Als ich nochmal angestellt war, dachte ich, das Thema ist Zeit.

Dann hatte ich genau das. Zeit zur Selbstbestimmung. 

Zu entscheiden, wann und wo ich arbeite und es wieder sein lasse.

Und da saß ich auf der Terrasse.

Mit Kaffee und ohne Verpflichtung. Quasi null Zeitdruck.

 

Nach ungefähr vier Minuten meldete sich mein Gehirn:

„Jetzt, wo wir hier schon sitzen… könnte ich eigentlich auch noch schnell…“

Nein. Könnte ich nicht. Herrgott nochmal. 

Selbst das Dekonditionieren eines offenen Wurzelzentrums im Human Design wird zum Paradoxon, wenn man dabei unter Druck gerät. 

 

Nun, offenbar bedeutet freie Zeit nicht automatisch, dass wir innerlich verfügbar sind.

Denn während mein Kalender längst Feierabend hatte,
lief meine innere Projektleitung noch in der dritten Überstunde.

 

Warum Erholung nicht planbar ist

Es gibt Menschen, die schreiben sich „Me-Time“ in den Kalender.

Ich finde das grundsätzlich sympathisch.

Bis die Me-Time aussieht wie ein Geschäftstermin.

16:00–17:00 Uhr: Entspannen.

17:05 Uhr: Bitte gefälligst regeneriert sein.

Es ist faszinierend, wie wir sogar Erholung organisieren.

 

Und wehe, danach fühlen wir uns nicht deutlich besser.

Dann stresst uns plötzlich sogar die Entspannung.

Vielleicht, weil wir glauben, Erholung wäre etwas, das man machen kann.

Dabei passiert sie meistens genau dann, wenn wir aufhören, sie erzwingen zu wollen.

 

Haben wir die natürliche Fähigkeit zur Regeneration unserer Vorfahren aus unserem Gehirn gemanagt?

Ein Teil von mir schreit innerlich: ja, Gott sei Dank. Du hättest sonst keinen Job. 

Doch wann haben wir verlernt, uns einfach ohne Agenda zu entspannen?

 

Nervensystem statt Kalender

Es gibt Tage, da habe ich  vier Stunden Zeit und keine Minute für mich mit mir. 

Dann gibt es Tage, da sitze ich fünf Minuten schweigend im Auto, bevor ich aussteige und denke dann:

„Ah... da bin ich ja wieder. Schön, mich zu treffen. Das hat gut getan."

 

 

Der Unterschied hat also nichts mit dem Kalender zu tun, sondern mit meinem Erleben.

Wir behandeln Stress oft wie ein Zeitproblem.

Meistens ist es aber ein Regulationsproblem.

Mehr Freizeit löst nämlich erstaunlich wenig, wenn unser inneres System immer noch glaubt, es müsste ständig funktionieren.

Innere Antreiber, Muster, Glaubenssätze kennen keinen Schedule.

 

Kennste? Man hat endlich Ruhe und plötzlich wird man unruhig.

 

1. Der Körper ist dabei, zu verlernen, wie sich Ruhe anfühlt

2. Gleichzeitig wird ein innerer Antreiber durch die Unruhe gefüttert.

 

Mini-Ressourcen im Alltag

 

Ich denke immer noch sehr oft, Selbstfürsorge beginnt mit einem freien Wochenende oder einem Kurzurlaub.

Doch ich beginne auch zu erkennen, dass sie sich manchmal in drei bewussten Atemzügen findet, bevor ich die Haustür aufschließe.

Oder damit, den Kaffee tatsächlich zu trinken, anstatt ihn nebenbei zu organisieren.

Oder mit dem revolutionären Gedanken, nicht jede freie Minute sinnvoll nutzen zu müssen.

 

Vielleicht braucht unser Nervensystem gar keine zwei Stunden Wellness.

Vielleicht braucht es zwischendurch einfach jemanden, der ihm signalisiert:

„Du musst gerade nichts leisten.“

Und dieser Jemand könnten wir selbst sein.

Was zugegebenermaßen deutlich einfacher klingt, als es sich manchmal anfühlt.

 

Die bittersüße Erkenntnis dieser Folge ist vielleicht jene:

Wir haben nicht zu wenig Zeit für uns.

Wir sind wahrscheinlich zu wenig bei uns. 

 

Und ich frage mich inzwischen immer öfter:

 

Wann haben wir eigentlich begonnen zu glauben, dass Me-Time erst dann zählt, wenn sie perfekt geplant, maximal wirksam und vollständig regenerierend war?

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