Sport sollte die Lösung sein.
Zumindest erzählen wir uns das.
Bewegung baut Stress ab, Sport macht glücklich. Endorphine und so.
Danach fühlt man sich besser.
Theoretisch.
Praktisch stand ich schon erstaunlich oft in Tanzschuhen auf dem Parkett und dachte:
„Warum fühlt sich meine Stressbewältigung eigentlich gerade selbst wie Stress an?“
Willkommen in der faszinierenden Welt des Fitness-Stresses.
Dort, wo wir versuchen, etwas für uns zu tun – und dabei versehentlich eine weitere Verpflichtung erschaffen.
Bewegung als weiteres Ziel
Früher war Sport etwas, das Menschen gemacht haben.
Heute wird Sport gemanagt wie kaum ein Mitarbeiter von einem Chef.
Trainingspläne, Schrittzahlen, Herzfrequenzen, Leistungsdaten.
Brauchen wir mehr Excel-Tabellen als Sportschuhe?
Und irgendwo dazwischen sitzt ein Mensch und fragt sich, wann aus Bewegung eigentlich ein Projekt geworden ist.
Im Tanzsport ist das noch einmal eine eigene Liga.
Da geht es nicht um „ein bisschen bewegen und lustige Schritte zu Musik“.
Da geht es um Technik, Haltung, Präzision, Kondition, Musikalität, Ausdruck, Fußarbeit.
Und oft genug darum, sich nicht gegenseitig den Kopf einzuschlagen. Tanzen ist auch Konfliktmanagement.
Und natürlich geht es um die sehr beruhigende Erkenntnis, dass es immer noch etwas gibt, das man verbessern könnte.
Mein Mann und ich tanzen Standard und Latein auf Wettkämpfen und Meisterschaften.
Das bedeutet: viel Schweiß, viel Training und regelmäßig die Begegnung mit der Tatsache, dass ein Slowfox offenbar niemals wirklich fertig ist.
Wenn Auslassen Schuldgefühle macht
Das eigentlich Verrückte beginnt aber nicht beim Training, sondern dann, wenn man es ausfallen lässt.
Denn plötzlich meldet sich diese Stimme: „Heute gehst du nicht? Meinst Du wirklich, der Jive sitzt schon?“
Dieser Tonfall! Alter!!!
Als hätte man gerade angekündigt, man wolle sämtliche Lebensziele aufgeben und künftig nur noch Fritten und Pizza essen.
Dabei könnte man meinen, ein ausgelassenes Training wäre einfach ein ausgelassenes Training.
Aber nein.
Für viele von uns fühlt es sich an wie moralisches Versagen in Sportkleidung.
Und genau dort wird Sport Druck.
Nicht wegen Art und Intensität der Bewegung, sondern wegen der Geschichte, die wir daraus machen.
Tja, Mindfuck kann auch zum Sport werden.
Körperliche Ressourcen vs. mentale Erschöpfung
Es gibt Tage, da könnte mein Körper durchaus trainieren.
Mein Kopf allerdings liegt innerlich in Embryonalstellung zusammengerollt unter einer Decke.
Und trotzdem denke ich im Ping-Pong-Modus: „Du musst doch.“ - "Ich will nicht" - "Du musst doch" - "Ich will nicht."
Vielleicht haben wir gelernt, körperliche Leistungsfähigkeit mit verfügbarer Energie gleichzusetzen.
Dabei sind das zwei völlig verschiedene Dinge.
Manchmal sind die Beine fit, aber das Nervensystem hat längst Feierabend.
Und Menschen wie ich haben zusätzlich die bemerkenswerte Eigenschaft, nicht immer zuverlässig zu merken, wann genug eigentlich genug wäre.
Es gibt Menschen, die spüren eine Grenze und können sich ihr mit System nähern und mal einen Schritt drüber hinaus gehen.
Ich entdecke sie oft erst beim Überqueren. Mit Anlauf. Oder in meinem Fall mit einem großen Cha-Cha-Cha.
Und anschließend großer Überraschung.
Gerade deshalb habe ich auch schon trainiert, obwohl mein System eigentlich längst eine andere Idee hatte.
Nicht aus Leidenschaft. sondern aus innerem Druck.
Leider sind das bei genauer Betrachtung zwei sehr unterschiedliche Motivationen.
Sport als Beziehung, nicht als Aufgabe
Vielleicht liegt genau hier mein größtes Umdenken.
Sport ist keine To-do-Liste.
Keine Pflicht.
Kein Beweis für Disziplin.
Zumindest sollte er das nicht sein, wenn ich kein(e) Berufssportler(in) bin.
Denn sobald Bewegung ausschließlich zur Aufgabe wird, verliert sie etwas Wesentliches.
Die Verbindung zum Körper.
Die Verknüpfung mit Freude.
Den Spaß am Erleben.
To Be Honest:
Es gibt da diesen einen Bereich meines Lebens, in dem ich vermutlich bewusst unvernünftig bleiben werde.
Das Tanzen.
Ja, es ist anstrengend. Es tut manchmal weh.
Ja, manchmal fluche ich über Trainings, Turniere und die Tatsache, dass ein Wiener Walzer gefühlt immer dann beginnt, wenn die Lunge bereits die Kündigung eingereicht hat.
Und ja, gelegentlich produziert das Ganze mehr Stress als ein vernünftiger, entspannter Nachmittag im Garten.
In vielen Bereichen meines Lebens lerne ich, Grenzen ernster zu nehmen, doch erlaube ich mir hier eine kleine Ausnahme.
Nicht aus Selbstsabotage. sondern aus Liebe.
Denn manche Dinge nähren uns nicht, weil sie leicht sind. sondern weil wir sie trotz ihrer Anstrengung lieben.
Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis dieser Folge:
Sport stresst nicht automatisch, weil wir zu viel trainieren.
Manchmal stresst er, weil wir ihn nur noch als Aufgabe betrachten.
Und ich frage mich inzwischen immer öfter:
Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns zu bewegen, weil es uns Freude macht – und angefangen, uns zu bewegen, damit wir uns (gut) genug fühlen?
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