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Freundschaften, die müde machen

"Wollen wir auf einen Kaffee gehen?" oder "Vielleicht können wir ja telefonieren?!"

Eigentlich völlig harmlose Fragen.
Eigentlich.

 

Und trotzdem spüre ich manchmal schon beim Lesen so einer Nachricht eine Müdigkeit, die mindestens drei Vitaminkuren und zwei Wochen Italienurlaub braucht.

 

Nicht wegen der Person und nicht, weil ich meine Freunde nicht mag.

Soziale Erschöpfung ist eine ganz eigene Form der Müdigkeit.

Diese mentale Überforderung, wenn Freundschaft plötzlich nicht mehr nach Verbindung klingt –
sondern nach Termin und vor allem…nach Stress.

 

 

Freundschaft als Pflichttermin

 

Früher dachte ich, gute Freundschaften erkennt man daran, dass man immer füreinander da ist.

Heute klingt das für mich verdächtig nach emotionaler Rufbereitschaft.

Denn irgendwann bemerkte ich, dass manche Treffen sich weniger nach Freude anfühlten,
dafür mehr nach: „Ich hoffe, ich bin heute leistungsfähig genug, um mir tiefe emotionale Krisen anzuhören.“

 

Das Problem ist ja, Freundschaften und Familie haben keine offiziellen Arbeitszeiten.

Kein Feierabend und keine automatische Abwesenheitsnotiz.

Dafür wabern unter der Oberfläche erstaunlich viele unausgesprochene Erwartungen.

 

Vor allem, wenn man – rein hypothetisch natürlich – jemand ist, der ziemlich gut darin ist, Menschen emotional zu lesen.

Fluch und Segen als mentale Projektorin im Human Design...

Man weiß oft, was das Gegenüber hören möchte, bevor die Person selbst überhaupt verbalisieren kann, was sie eigentlich fühlt.

 

 

Wenn Nähe Erwartung wird

 

Irgendwann merkte ich, dass nicht jede Freundschaft mich wegen der Person selbst belastet.

Diese "Staubsauger"-Freunde habe ich mir erlaubt, mit den Jahren weitestgehend auszusortieren.

 

Es geht vielmehr um die Version von mir, die ich in jenen geworden bin, die ich aufrichtig mag.

Die ewige Zuhörerin und die Versteherin.

Die emotional stabile Anlaufstelle mit leicht therapeutischer Ausstrahlung.

 

Und weil mein Nervensystem Konflikte ungefähr so angenehm findet wie barfuß auf Lego zu treten, sage ich natürlich selten: „Ich kann gerade nicht.“

Ich fühle den Druck und die emotionale Belastung auf der anderen Seite.

Und ich habe eine natürliche Abneigung dagegen, dass es Menschen schlecht geht.

 

Also betreibe ich People Pleasing auf Premium-Level.

Ich antworte nett. Ich höre zu. Ich bin verständnisvoll.

Innerlich möchte mein gesamtes System einfach nur in den Flugmodus.

Und ehrlich, es fragt sich nach 4h Gespräch über Gefühle, Situationen und Momente des/der anderen:

wie waren eigentlich die Anteile des Zuhörens und des Gehört Werdens?

 

Das Absurde daran:
Menschen mit offenem Emotionalzentrum im Human Design haben oft eine natürliche Gabe dafür, zu spüren, was andere brauchen.

Leider bedeutet das nicht automatisch, dass sie auch spüren, was sie selbst brauchen.

Weil sie viel zu oft mit den Gefühlen des anderen identifizieren.

 

 

Schuldgefühle beim Rückzug

 

Rückzug klingt gesellschaftlich leider immer noch leicht verdächtig.

Als würde man morgens aufwachen und beschließen:
„Heute enttäusche ich einfach mal zwischenmenschlich ein paar Leute.“

 

Dabei ist Rückzug kein Drama, sondern Regulation und Selfcare pur.

 

Vor allem für Menschen wie mich, die zwar mental ständig wach sind, aber im restlichen System unfassbar schnell erschöpfen.

 

Es gibt Tage, da kann ich Menschen aufrichtig lieben –
und trotzdem nicht die Kraft haben, auf eine Sprachnachricht zu reagieren.

 

Und dann kommt sie: die klassische Mischung aus schlechtem Gewissen und innerem Selbstcoaching.

„Jetzt stell dich nicht so an.“
„Andere kriegen das doch auch hin.“
„Du verlierst den Anschluss an die Welt. Irgendwann ruft dich keiner mehr an. Organisier dich besser!"

 

Spoiler:
Erschöpfung ist selten ein Kalenderproblem.

 

Und vielleicht ist genau das die große Lebenslektion meines 6/2-Profils:

Die 6. Linie möchte alles richtig machen.
Reif. Vorbildlich. Emotional souverän.

Die 2. Linie hingegen möchte einfach ihre Ruhe.
Und zwar sofort.
Ohne Rückfragen.
Ohne WhatsApp.

Innerlich führe ich also regelmäßig Diskussionen zwischen
„Du solltest für alle da sein, sonst verlierst du auch den Anschluss an die Welt.“
und
„Wenn noch eine Person etwas von mir will, wandere ich in den Wald aus.“

 

 

Resilienz heißt, eben nicht für alle da zu sein

 

Ich habe Resilienz lange falsch verstanden.

Ich dachte, resilient sein bedeutet: viel aushalten können und viel geben können.
Für Menschen da sein, egal wie leer man selbst gerade ist.

 


Doch echte Selbstführung beginnt genau dort, wo man aufhört, sich dauerhaft über die eigenen Grenzen hinweg sozial verfügbar zu machen.

Denn eine Freundschaft belastet nicht automatisch, nur weil man Abstand braucht.

Wer das als Freundin/Freund nicht akzeptieren kann, sucht möglicherweise im Außen etwas,

was nur im Innern zu finden ist.

 

Rückzug bedeutet nicht automatisch Lieblosigkeit. Ganz im Gegenteil. 

Es ist ein tiefer Akt der Selbstfürsorge und bedeutet dann einfach:

  • Mein Nervensystem hätte gerne kurz keine Eindrücke mehr.
  • Keine Emotionen.
  • Keine Bedürfnisse von außen. Nicht mal gut gemeinte.
  • Einfach nix bitte. Ohne Sauce, ohne scharf.

 

Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis dieser Folge:

Nicht jede soziale Erschöpfung ist ein Zeichen dafür, dass mit der Freundschaft etwas nicht stimmt.

Manchmal ist sie einfach ein Hinweis darauf, dass wir vergessen haben, uns selbst in der Beziehung mitzudenken.

Und ja, es kann sein, dass Abgrenzung und Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse auf der anderen Seite unangenehm aufstoßen wie die Sardellen im Cesars-Dressing.

Das kann ein liebevoller Hinweis sein, dass diese Person vielleicht nicht Bestandteil des eigenen Inner Circle sein sollte.

 

Jedenfalls frage mich inzwischen immer öfter:

Wie viele Freundschaften fühlen sich eigentlich nur deshalb anstrengend an, weil wir glauben, ständig verfügbar sein zu müssen?

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