Über einen realistischen Umgang mit Stress im Alltag
Ich habe lange gedacht, mein Ziel müsste Ruhe sein.
Diese "ich lebe einsam auf einer Almhütte auf 1500 m Höhe, versorge mich selbst und meine beste Freundin ist eine Ziege"-Ruhe.
Gut, Realitätsverlust war definitiv ein Stresssymptom, wie man sieht.
Nach spätestens 2 Tagen würde sich die Ziege vom nächsten Felsen stürzen...
mit einem Tinnitus von meinem Gefasel im Ohr.
Aber dennoch....diese Sehnsucht nach der Ruhe .
Ruhe von der Fremdbestimmung.
Deshalb raus aus dem alten Job und ab in die Selbstständigkeit.
Klaro, Selbstständigkeit heißt "selbst und ständig", aber auch selbst und frei.
Weniger Stress. Weniger Anspannung. Weniger Druck.
Doch je genauer ich hinsah, desto klarer wurde mir:
Ein stressfreies Leben war nie das Problem.
Es war nur nie realistisch.
Was mir fehlte, war etwas anderes.
(Nein, nicht die Ziege!)
Stress gehört dazu – Entfremdung nicht
Der Alltag bleibt fordernd.
Termine drängen. Entscheidungen müssen getroffen und auch umgesetzt werden.
Zumindest, wenn man irgendwie auch vorwärts kommen will.
Denn nur wer nichts macht, macht nichts falsch und hat auch keinen (herkömmlichen) Stress.
Manches fühlt sich im Normalfall schlicht zu viel an.
Der Unterschied liegt nicht darin, ob Stress da ist.
Sondern darin, wie ich mir selbst darin begegne.
Ob ich mich verliere –
oder ob ich innerlich in Kontakt bleibe.
Wenn Stress zur Trennung wird
Nicht zwischen mir und der Arbeit.
Sondern zwischen mir und mir selbst.
Dann funktioniere ich.
Dann reagiere ich schneller, als ich spüre.
Dann übergehe ich Dinge, die eigentlich wichtig wären.
Verliere den Überblick über wichtig und und unwichtig.
Verliere mich aus den Augen - völlig.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern aus Gewohnheit.
Ein "Boah, ne echt jetzt. Für Entspannung, mich spüren und Reflexion hab ich jetzt keine Zeit!"
Verbundenheit als sanfter Gegenpol
Verbunden zu bleiben, heißt nicht, alles im Griff zu haben.
Es heißt:
- mich wahrzunehmen, auch wenn es hektisch ist.
- meine Reaktionen zu verstehen, statt sie zu bewerten.
- mir innerlich zuzuhören, bevor ich mich antreibe.
Das ist keine Technik.
Eher eine Haltung.
Schon wieder die Leier mit dem "Innehalten"??!
Yo, sorry. Das schon wieder! Ich hab den schnellen Weg versucht.
Glaub mir, es macht keinen Spaß, wenn du dir selbst beim Verrotten zuschauen kannst.
Wenn Kaffee, (früher) Zigaretten und widerliche Energy-Drinks retten müssen, was man an Selbstfürsorge brach liegen hat lassen.
Das ist kein Leben, das ist Vegetieren und ein sich Entkoppeln.
Doch den inneren Beobachter seiner Selbst zu installieren, hilft.
Es kann sachte wieder eine Verbindung kitten.
Zum eigenen Zustand.
Zu den eigenen Bedürfnissen.
Zu dem, was wir ICH nennen.
Kleine Klarheit statt großer Kontrolle
Ich brauche keine vollständige Übersicht über mein Leben.
Ich brauche keine perfekten Entscheidungen.
Keine perfekte Umsetzung.
Wir wissen ja, wohin uns Perfektionismus bringt.
Was mir hilft, ist die kleine Klarheit:
- Das ist mir gerade zu viel.
- Hier brauche ich Abstand.
- Das darf warten.
Diese Sätze verändern nichts sofort.
Aber sie verändern, wie ich mit mir durch den Tag
gehe.
Rasend oder ruhend.
Stress verliert seine Schärfe, wenn er angeschaut wird
Keine "Sorge", er verschwindet nicht gänzlich.
Aber wir lernen, uns nicht noch zusätzlich gegen uns selbst zu stellen.
Widerstand erzeugt Widerstand.
Wir müssen nicht stark sein, um belastbar zu bleiben.
Wir sollten uns nur nicht fremd werden.
Vielleicht ist das das Maß an Balance
Nicht buddha-mäßige Ruhe und Gelassenheit.
Sondern ein inneres Mitgehen.
Ein Wissen darum, was gerade los ist.
Ohne es sofort lösen zu müssen.
Aber eben auch, ohne mich selbst zu verlieren.
Ein leiser Übergang
Vermutlich endet dieser Abschnitt nicht mit einer Antwort.
Es darf bei einem Impuls bleiben.
Einer Art, den eigenen Alltag zu betrachten,
ohne ihn sofort verändern zu wollen.
Und von hier aus darf sich alles Weitere entwickeln.
Oder auch (noch) nicht.
Ein P.S. für dich:
Gutes Stressmanagement braucht Zeit und eine fundierte Reflexion des eigenen Stressgeschehens.
Mein wohlwollender Rat für dich:
1. Lass dich selbst damit nicht allein, weil du das Gefühl hast, stark sein zu müssen. Wirklich stark ist es, dir helfen zu lassen.
2. Vergleiche NIEMALS dein Stresserleben mit der vermeintlichen Belastbarkeit der anderen. Niemand ist bis hierhin in deinen Schuhen gegangen. Und ebenso wenig bist du keinen Schritt in den Schuhen der anderen gegangen.
Von Herzen, Cornelia
Cornelia Kühbauch ist Trainerin & Coach für mentale Gesundheit.
Ihre Mission ist es, Menschen zu helfen, den Weg aus der Stressfalle zu finden und den Zugang zu ihren Ressourcen wieder freizulegen.
Ihre unvergleichliche Art, diesem ernsten Thema mit reichlich Humor, tiefem Wissen und aufrichtigem Einfühlungsvermögen zu begegnen, macht sie zu einer echten "out-of-the-box"-Coach.
Cornelia ist vielfach und laufend zertifiziert, u.a. im multimodalen Stressmanagement, als Mentaltrainerin sowie Achtsamkeitstrainerin.
Seit 2017 bildet sie außerdem für die fitmedi-Akademie TrainerInnen und KursleiterInnen rund um die Themen Stress- und Burnoutprävention sowie Resilienz aus.
Lies HIER mehr über sie.
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