Es gibt Tage, da ist der Kalender komplett überschaubar.
In der Bank wie im Training & Coaching.
Keine engen Deadlines. Keine akuten Krisen.
Perfekt für Selfcare, Erholung, Pausen...
Und trotzdem fühle ich mich getrieben.
Nicht von außen.
Sondern von etwas Innerem, das ständig fragt, ob das reicht.
Ob das gut genug ist.
Ob ich mich gerade genug anstrenge.
Wenn Druck nicht von außen kommt
Lange dachte ich, Stress entstehe durch zu viele Aufgaben.
Durch Erwartungen anderer bzw. durch meinen Mindfuck über die Erwartungen anderer.
Durch volle Tage.
Heute weiß ich: In der Regel ist der größte Stressfaktor nicht sichtbar.
Er sitzt nicht im Meeting.
Er steht nicht in der To-do-Liste.
Er spricht in meinem Kopf.
Ein Anspruchs-Fraggle, der unermüdlich plappert und kritisiert.
Der innere Anspruch meldet sich leise – aber konstant
Er sagt nicht: „Du musst.“
Er sagt: „Du könntest noch.“
Noch ein bisschen besser.
Noch ein bisschen schneller.
Noch ein bisschen mehr.
Und weil er so vernünftig klingt, hinterfragen wir ihn kaum.
Denn er sitzt da auf einem Thron, gebaut aus neuronalen Verschaltungen, die wir von Kindesbeinen an gebaut (bekommen) haben.
Es sind Muster, die wir trainiert haben wie Laufen, Zähneputzen und Schnürsenkel binden.
Strategien, die uns Sicherheit vermittelt haben, die wir so dringend gebraucht haben.
Warum dieser Anspruch so erschöpfend ist
Äußere Anforderungen haben ein Ende.
Und auch eine Deadline ist irgendwann erreicht.
Der innere Anspruch kennt keins von beiden.
Er verschiebt die Grenze ständig ein Stück weiter.
Und zwar aus dem Wunsch heraus, es richtig zu machen.
Ein Wunsch, der zum Autopiloten geworden ist.
Doch all das macht es so ermüdend.
Perfektionismus ist nicht immer sichtbar
Die meisten von uns stellen sich Perfektionismus als akribisches Arbeiten vor.
Als Detailverliebtheit.
Als überhöhte Ansprüche.
Oft zeigt er sich viel niederschwelliger, indem wir
- uns selbst kaum Pausen erlauben
- unsere Erfolge relativieren
- das Gefühl haben, nie ganz fertig zu sein
Wir funktionieren. Klar tun wir das.
Aber wir kommen innerlich nicht zur Ruhe.
Warum der innere Anspruch oft stärker ist als jede Deadline
Weil er mit etwas Tieferem verknüpft ist:
- Anerkennung
- Zugehörigkeit
- Sicherheit
Nicht im großen, dramatischen Sinn.
Eher im Alltagsdasein und manchmal -überleben.
Der Anspruch will nicht quälen.
Er will verhindern, dass wir angreifbar werden.
Wenn Leistung zur inneren Versicherung wird
Als berufstätige Menschen haben wir gelernt:
- Wenn ich mich anstrenge, bin ich sicher.
- Wenn ich leiste, werde ich gesehen.
- Wenn ich fehlerfrei arbeite, kann mir nichts passieren.
- Wenn ich funktioniere, gehöre ich dazu.
Das Problem ist natürlich diese Logik, aber es geht tiefer.
Das Problem ist, wenn die Logik alternativlos wird.
Dann wird selbst Erholung bewertet und Pausieren fühlt sich falsch an.
Dann ist Entlastung mit Schuld verbunden.
Kompletter Mindfuck, doch es ist so.
Warum Ressourcen hier plötzlich verschwinden
Ein hoher innerer Anspruch verbraucht Ressourcen.
Ständig.
Er lässt wenig Raum für:
- Unvollkommenheit
- Fehlerkultur (die wir für Wachstum nun mal brauchen)
- Langsamkeit
- Zweifel bzw. Hinterfragen
Und so entsteht ein paradoxes Gefühl:
Wir tun viel – und fühlen uns trotzdem nicht getragen vom Leben.
Eventuell braucht es nicht weniger Anspruch – vielmehr einen anderen
Nicht jeden inneren Anspruch müssen wir loswerden.
Aber wir dürfen prüfen, wem und wozu er (noch) dient.
Vielleicht muss ich diesen Anspruch auch gerade nicht verändern.
Vielleicht reicht es, ihn erst einmal zu bemerken.
Diese Unterscheidung ist fein und leise.
Doch trägt sie viel Potenzial in sich.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
„Warum bin ich so streng mit mir?“
Sondern:
„Was versuche ich mit diesem Anspruch eigentlich zu schützen?“
Manchmal liegt hinter hohem Anspruch kein Ehrgeiz.
Sondern ein Bedürfnis nach Sicherheit.
Und vielleicht darf dieses Bedürfnis auch anders beantwortet werden.
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