Spätzünder

Wer in seinem Leben jenseits der 35 noch einmal etwas Neues starten will, einen Jobwechsel hin zur Berufung wagt, darf sich einer ganzen Reihe Herausforderungen stellen.

Nicht nur finanzielle Hürden und familiäre Verpflichtungen stehen im Raum sondern vor allem auch gesellschaftliche Konventionen und höchst eigenartige Reaktionen vom Umfeld. Und nicht zuletzt Selbstzweifel bilden einen hübschen Teufelskreis, aus dem man sich erst einmal befreien darf.

Man  ist als Spätzünder überhaupt nicht "fancy".

Warum? Na, weil man nicht schon mit 22 Jahren (also direkt nach dem in Rekordzeit absolvierten summa-cum-laude-Studium) auf die Idee gekommen ist, sich zu verwirklichen. Es passt halt so gar nicht in das allgemein-gültige Weltbild, wenn man erst relativ spät im Leben damit anfängt, seine Potenziale auszuschöpfen und seine Talente zum Beruf zu machen.

In einer Zeit, in der wir versuchen, die Zeit zu überholen und in Schule, Job und Freizeit die ganz frühen Rekorde aufzustellen und Erfolge zu dokumentieren, muss man sich schon allerhand dummes Zeug anhören, wenn man in der Mitte seines Lebens zum Unternehmer und Selbstverwirklicher wird. 

Als ob die eigenen kritischen Stimmen nicht schon genug Tinnitus-Potenzial haben, verfügt man mehr oder weniger über Nacht über ein Arsenal an menschlichen Bremsklötzen, die sich allesamt als Freunde, Bekannte, Familie und Kollegen tarnen. Die meinen es natürlich nur gut, schon klar. Aber selbst Auftraggeber und anderweitige Geschäftspartner drohen mit guten Ratschlägen und Meinungen, nach denen sie nie gefragt wurden. 

Bei dieser Gelegenheit denke  ich gerne an das Sprichwort von Annelies Walus :"Ratschläge erteilen, ist einfacher, als diese selbst zu befolgen", und ich frage mich, ob diese Gewissens-Terroristen nicht auf einmal selbst mit ihrer Lebensmitte konfrontiert sind und dabei entdecken, dass sie seit bald 30 Jahren unter ihrem eigenen Radar fliegen. 

Dass sie "was Verünftiges" gelernt haben, wie die Eltern das so wollten, sich aber nie wieder erlaubt haben, quer zu denken und ihren Herzen und Talenten zu folgen. Dass sie sich und anderen mit größter Sorgsamkeit alle Ausreden parat gelegt haben wie die Pantoffeln vor ihrem Bett (herrlich klischeehaft), warum eine zweite Karriere als Maler oder Autor nicht möglich ist.

Späterblüher müssen für diese Sorte Menschen einen dermaßen wunden Punkt treffen, dass es schier unerträglich sein muss, NICHT seine kritische Stimme ins Feld zu geben.

"Und dafür gibt es Abnehmer?" und "hast Du Dir das auch gut überlegt?" bis hin zu "hmm, ist halt ein schwieriger Markt, oder?" , sind nur einige der populär-unnützesten Aussagen dieser Fraktion. 

Frühstarter triggern meiner Beobachtung nach nicht im gleichen Maße. Ein bisschen Neid mag auch einem 25jährigen Millionär von unserem Kritik-Fraggles zuteil werden, aber überwiegend ist die junge Generation auch "zu weit weg" oder genießt eine Art Welpenschutz. 

Es ist auch irgendwie bezeichnend, dass diese Mental-Attentäter oft in einem Hamsterrad feststecken, dass ihnen jegliche Form der Veränderung zu ihrem Besten verweigert. Ja, das Hamsterrad ist mies und übel, aber sie kennen es wenigstens. Das Unbekannte ist in Wahrheit das, was Angst macht. Nicht zu wissen, ob das klappen kann, wovon man träumt. Sich nicht in der Lage zu sehen, mit dem, was nicht klappt, umzugehen. Kein Vertrauen in die eigenen Ressourcen und vor allem kein Vertrauen in die Möglichkeit, DASS ES FUNKTIONIERT!!! 

Und ist es nicht so, dass die Menschen in diesem Teufelskreis so gefangen sind, dass sie nicht mal erkennen könnten, wenn es funktioniert?! Immer wieder sind es auch viel zu hohe (und schnelle) Erwartungen von Erfolg, und es mangelt an Geduld, Zuversicht und Evaluation. 

Die uns allen bekannte Fehlerkultur in unserer Gesellschaft toleriert darüber hinaus auch kein Scheitern. Deshalb erlauben sich diese Menschen auch von vorneherein keine Erfahrungen dieser Art. Und dieses "wenn es nicht perfekt ist, lass' die Finger davon!" transportieren sie dann Eins zu Eins auf einen hochmotivierten 60jährigen Studenten der Physik. 

Dass Menschen jenseits der 35 ihre Vorhaben typischerweise gezielt, überlegt und mit aller Bereitschaft angehen, wenn eine Berufung dahinter steckt, und sie darüber hinaus von deutlich mehr Lebenserfahrung in anderen Bereichen profitieren können, beweisen nicht zuletzt auch Studien zu diesem Thema. 

 

In meinem Fall als Spätzünderin nutze ich bei unachtsam erteilten Ratschlägen mittlerweile zwei Rituale:

1. eine große Portion Verständnis und Mitgefühl ins Fraggle-Feld zurückzugeben. 

  • Genau wie ich streben diese Menschen irgendwie nach Glück im Leben.
  • Genau wie ich versuchen diese Menschen, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.
  • Genau wie ich lernen diese Menschen gerade über das Leben. 

2. Einen Moment der Achtsamkeit und wahlweise ein

  • "Lächle, Du kannst sie nicht alle töten" in Gedanken oder
  • Lächeln und Anschweigen. Den Moment darf der Ratschläger gerne wahrnehmen. 

 

Und wer weiß,  vielleicht steht irgendwo auf der geheimen Agenda der Spätzünder auch die Mission, andere zu Spätzündern zu motivieren. 

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Mitglied im Verband  freier Psychotherapeuten,

Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Mitglied im Berufsverband für Entspannungspädagogen e.V.


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