Das Ding mit der Achtsamkeit

Oh ja, es ist sowas von in aller Munde, dieses Ding mit der Achtsamkeit.

Gefühlt jeder macht es, Du brauchst es!

Fast kommt es einem vor, als wäre es ein Megatrend wie seinerzeit Yoga, oder noch besser Zumba.

Wir machen jetzt also alle in Achtsamkeit. Und das bringt auch total viel. Man wird viel lockerer, gelassener, kann viel besser mit Stress umgehen. Man schöpft wieder neue Power, ist kreativ und man weiß wieder ganz genau, was man will. Klingt super, oder?

Also rauf auf's neue Meditationskissen (oder doch lieber auf den Stuhl, der Lotos-Sitz ist ja furchtbar unbequem), dann atmen, was das Zeug hält und rein in die Meditation. Aaah warte mal, da haben wir doch schon den ersten kleinen Murks im System. Achtsamkeit = Meditation. Das ist natürlich Bullshit. Klar, ist man in jeder Meditation achtsam (oder versucht es), aber man muss nicht meditieren, um achtsam zu sein. Wer das nicht versteht, ist auch der Ansicht, Yoga sei vorrangig dazu da, den Körper flexibler zu machen. 

 

Aber egal. Immer öfter darf ich feststellen, dass aus diesem Hype um die Achtsamkeit eine Art Selbstoptimierungstool herausmanipuliert wird. Etwas, das langsam aber sicher an dem vorbeirennt, was die Achtsamkeit im Ursprung aussagen wollte. 

Wo in der traditionellen Achtsamkeitslehre Demut und Bescheidenheit im Vordergrund standen (nein, das sind keine Wörter aus dem Management-Lexikon) und das ICH nebensächlich war, geht es heute vermeintlich in erster Linie darum, genau dieses ICH in den Mittelpunkt allen Handelns zu rücken.

 

Wo Achtsamkeit einst den Sinn hatte, sich selbst vom aktuellen Geschehen zu distanzieren - durch Erkennen und NICHT-Bewerten von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen -, scheinen die Praktiken jetzt eher einem Kurs in Egozentrik zu gleichen. Extrem unpraktisch, sich voll auf sich selbst zu fokussieren, wenn ich  in höchster Aufregung und im Dauerstress bin. Da steh ich dann mit meiner fehlgeleiteten Achtsamkeitspraxis und meditiere mich geradewegs in den Burnout. Glückwunsch auch!

Achtsamkeit ist kein spirituelles Alibi, um sich völlig ungeniert künftig nur noch mit sich selbst zu beschäftigen. Wer der Meinung ist, die Entfaltung von Potenzial und Selbstbewusstsein ist durch Achtsamkeit gechillt zu erzielen, der möge doch bitte die Finger davon lassen.

 

Diese Haltung dient dazu, Wahrnehmungen vorurteilsfrei anzunehmen und zu erkennen, dass man nicht das Produkt seiner Gefühls- und Gedankenwelt ist. Achtsamkeit schafft Distanz zu irrationalen Regungen in uns und kann helfen, intelligent mit Belastungen umzugehen. 

 

Ja, Achtsamkeitsmeditationen haben positive Auswirkungen auf unser Immunsystem und können Stressymptome mildern, ABER sie sind kein Allheilmittel gegen hohe Belastungen, und schon gar nicht für jeden. Und wer mit dem Ziel "total achtsam" und "eine bessere Version von sich selbst" zu werden, auf Kissen oder Matte Platz nimmt, der atmet vielleicht noch einmal tief durch...und trinkt dann ein gutes Glas Wein. Dann aber bitte achtsam, denn "in vino veritas".

 

 

 

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Mitglied im Verband  freier Psychotherapeuten,

Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Mitglied bei Mountain Minds e.V. (i.G.)

Mitglied im Berufsverband für Entspannungspädagogen e.V.


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