Er sieht mich einfach nicht

Da sitzen wir nun wieder zum monatlichen Vertriebsmeeting und eigentlich wissen wir beide, dass keiner so richtig Bock auf das hat, was jetzt gleich kommt.

Wenn ich mir meinen Chef so ansehe, wirkt er ausgelaugt, müde... nur noch angereichert mit Trägheit und Resignation. Da springt wirklich nur wenig Vertriebsfunke und Motivation über.

Sicher, in der heutigen Zeit erwartet man, dass ein Mitarbeiter sich selbst motiviert und sein Mantra für noch mehr Erfolg am besten selbst erfindet, ja, am besten noch die Führungskraft überzeugt und mitreißt. Mitreißen ist kein Problem, aber halt in den Abgrund.

Nicht selten habe ich das Gefühl, dass diese hochgelobte Eigenmotivation die perfekte Ausrede dafür ist, dass Führungskräfte keinerlei Sozialkompetenz und Achtsamkeit für den Menschen mehr aufweisen müssen. 

Aber was soll ich den armen Hund auch noch anklagen, dass er sich einen feuchten Kehricht für mich interessiert!? Der sieht selbst aus, als würde er aus dem nächsten Urlaub nicht mehr zurückkommen wollen.

Ich erkenne das deswegen so gut, weil ich mich genauso fühle. Es ist diese verzweifelte Mischung aus Rat- und Hilflosigkeit, Wut über den desolaten Zustand, unendliche Müdigkeit, ein weiteres Aufbäumen, neuerliches Versagen, Gereiztheit und was weiß ich noch alles.

Man fühlt sich völlig erschöpft, zu keiner Leistung mehr fähig und doch immer irgendwie auf 180! Und raten Sie, wie viele Menschen es interessiert, wie viele hinsehen? Genau! ZERO!

 

Und am allerwenigsten den armen Teufel von Manager, der mir da gegenüber sitzt.

Ich kann förmlich riechen, wie er Anlauf nimmt und sich wieder Mal auf das fokussiert, was alles nicht funktioniert, statt auch einmal so etwas wie Anerkennung und Dankbarkeit für das zu formulieren, was funktioniert.

So schlecht bin ich jetzt auch wieder nicht. "So schlecht" scheint allerdings schon lange nicht mehr zu reichen. Ihm nicht, den Oberbossen nicht, mir vielleicht auch nicht. 

 

"So, dann schauen wir mal", heißt es zum Einstieg, "in Summe sieht das ja noch ganz vernünftig aus, aber wenn ich mir hier die Zahlen im Bereich des Versicherungsgeschäfts anschaue. Heieieiei, da geht echt nichts vorwärts, oder?" 

Ich schwöre bei sämtlichen Gottheiten, wenn ich dieses "Heieieiei" nochmal hören muss, werde ich meinen Bürostuhl auf seinem Gesicht neu ausrichten. 

"Ich denke, es gibt momentan nichts unattraktiveres als Versicherungen mit 0 Rendite und hohen Kosten", höre ich mich meinen Textbaustein herunterrattern.

Ist ja nicht so, dass ich dieses Gespräch nicht schon geführt hätte.

"Oh Gott", denke ich mir zum bestimmt 20. Mal, "warum bin ich nicht mit 17 von zu Hause abgehauen und hab diese Rolle in der Seifenoper angenommen, die man mir angeboten hat. Ich wäre vermutlich nur Gelegenheitsjobber, aber dafür wenigstens zufrieden...oder sogar glücklich!" Den Kurzmonolog meines Vorgesetzten kann ich dabei perfekt ausblenden. 

 

Früher habe ich noch zu Beginn dieser Gespräche darauf beharrt, dass wir mit den positiven Dingen beginnen und auch wieder aufhören. Quasi als Erziehungsmaßnahme für meinen Chef und in der Hoffnung, dass es ansteckt. Da waren diese Reportings auch noch halbwegs erträglich für mich.

Ich habe mir auch mein Lob immer aktiv abgeholt, ebenfalls verbunden mit der Hoffnung darauf, eine Art Motivationsvirus in Umlauf zu bringen.

Aber irgendwann ist mir dafür die Kraft ausgegangen, genau wie für alles andere. 

Da kann man eigen motiviert sein, wie man will. Wenn einem in diesem Umfeld nie jemand sagt, "gut gemacht" oder "Du bist super!", dann sind die Batterien irgendwann leer.

Und noch viel schlimmer: man beginnt zu denken, dass man wirklich nichts gut macht oder eben nicht super ist. 

 

Wir alle nähren uns doch auch ein Stück durch Anerkennung und Lob (es ist übrigens ein Unterschied, ob ich jemanden lobe oder ihn anerkenne). Und gerade, wenn ich so viel Zeit des Tages mit bestimmten Personen verbringe, finde ich, soll auch in diesem soziale Gefüge Lob und Anerkennung statt finden. Denn das trägt einen weiter zur nächsten guten Tag oder Leistung.

 

Und jetzt sehe ich mir diese sehr müde Gestalt mir gegenüber nochmal an und stelle fest, dass auch er wohl schon ganz lange kein "gut gemacht" oder ein "Du bist toll!" mehr gehört hat. Vermutlich hat dann auch bei ihm jemand ganz schleichend diesen Stecker gezogen, auf dem etwas stand wie "Lebensfreude", "Motivation", "Zufriedenheit" oder ähnliches.

Und er tut mir auf einmal leid, weil ich ihn so gut verstehen kann, vielleicht besser als er sich selbst. Und deshalb verspreche ich ihm dieses Mal einfach das Blaue vom Vertriebshimmel runter und setze mein "Alltime-Motivationsgesicht" auf. Mehr geht dann aber nicht mehr, das ist schon anstrengend genug. Mehr kann ich jetzt nun echt nicht für ihn tun.

Ich hab wirklich genug mit meinem eigenen Unglücklichsein zu tun. 

 

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Mitglied im Verband  freier Psychotherapeuten,

Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Mitglied bei Mountain Minds e.V. (i.G.)

Mitglied im Berufsverband für Entspannungspädagogen e.V.


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