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Freizeitstress - wenn Entspannung einen To Do Charakter bekommt

„Ich habe heute Morgen Yoga gemacht.

Nicht, weil ich Lust darauf hatte. Es stand halt auf der Liste...der mentalen Liste meiner Freizeit-ToDo's.

 

Irgendwann wurde mir klar, dass etwas nicht stimmt.

Wenn man gestresst aus dem Yoga kommt, weil man während der Endentspannung darüber nachgedacht hat,
ob man heute noch lesen, spazieren gehen und ausreichend achtsam sein wird.

Willkommen im Freizeitstress, dieser ganz besonderen Form moderner Überforderung,
bei der wir versuchen, uns von unserem Stress zu erholen – und dabei neuen Stress produzieren.

 

Yoga, Lesen, Spaziergang – alles mit Anspruch

 

Früher waren Hobbies etwas, das man gemacht hat, weil man es mochte.

Heute scheinen sie vor allem eine Aufgabe zu haben: uns zu optimieren.

Yoga soll entspannen, lesen soll bilden. Wer bleibt schon gerne dumm.
Spazierengehen soll regulieren, Meditation soll fokussieren.

Selbst der Wald hat mittlerweile Leistungsdruck.

Man geht ja nicht mehr einfach spazieren.

Nein. Man aktiviert das Nervensystem, reguliert den ventralen Vagusnerv.
Man stärkt die Resilienz und verbessert die mentale Gesundheit.

Was grundsätzlich alles wunderbar ist.

Bis man irgendwann merkt, dass selbst die Entspannung inzwischen KPIs hat.

 

Warum selbst Pausen Leistung werden

 

Ich glaube, wir haben ein bemerkenswertes Talent entwickelt:

Wir verwandeln alles in ein Projekt. Sogar die Pause.

Vor allem Menschen wie ich, die mental ohnehin ständig unterwegs sind und

es auf und ab predigen, kennen dieses Phänomen.

Man sitzt endlich auf dem Sofa.

Und statt Ruhe kommt sofort die innere Projektleitung vorbei:

„Super, dass wir uns ausruhen. Wie holen wir jetzt maximalen Erholungswert aus dieser Situation heraus?“

Offenbar gibt es in meinem Kopf sogar für das Nichtstun ein Qualitätsmanagement.

Und plötzlich wird die Pause selbst zur Aufgabe. Habe ich mich genug entspannt?
War das regenerierend?
Sollte ich nicht lieber etwas machen, das noch nachhaltiger wirkt?

Ein erstaunlich arbeitsamer Gedanke für jemanden, der offiziell gerade Pause macht.

 

Ressourcen vs. Selbstoptimierung

 

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe persönliche Entwicklung.

Ich arbeite beruflich mit Menschen an Wachstum, Selbstführung und Resilienz.

Aber irgendwann fiel mir auf, dass wir Ressourcen oft behandeln wie Werkzeuge zur Leistungssteigerung.

Nicht: „Was tut mir gut?“ oder "Worauf reagiert mein Sakral oder wozu fühle ich mich eingeladen" als Generator oder Projektor im Human Design.

Dafür viel von : „Was macht mich effizienter?“

Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend über Stress oder Entspannung im System. 

 

Eine Ressource darf nähren.

Selbstoptimierung will verbessern.

Und manchmal wird sogar der schönste Spaziergang anstrengend, wenn er heimlich die Aufgabe

bekommen hat, aus uns eine bessere Version unserer selbst zu machen.

Mann ey, latsch' doch einfach rum. Ohne Plan. Is' voll ok. 

 

Erlaubnis zur unproduktiven Zeit

 

Neulich saß ich mit einem Kaffee auf der Terrasse.

Kein Buch, kein Podcast, kein Lerninhalt.

Einfach nur Kaffee.

Nach wenigen Minuten meldete sich mein Gehirn.

„Und was genau machen wir hier?“

Eine berechtigte Frage aus Sicht eines Systems und meinem offenen Wurzelzentrum, das offenbar davon ausgeht, dass jede Minute einen Verwendungszweck braucht.

 

Aber vielleicht liegt genau dort die Lösung.

Nicht jede freie Stunde muss sinnvoll sein und nicht jede Pause muss irgendwas heilen.

Nicht jeder Spaziergang muss transformieren und nicht jedes Hobby braucht einen positiven Effekt auf Persönlichkeit, Produktivität oder Darmflora.

Manche Dinge dürfen einfach Freude machen oder halt nix. Punkt. 

 

Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis dieser Folge:

Freizeitstress entsteht nicht immer, weil wir zu wenig Zeit haben.

Manchmal entsteht er, weil wir selbst die schönen Dinge des Lebens noch erfolgreich in Aufgaben verwandeln.

Und ich frage mich inzwischen immer öfter:

 

Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass sogar Entspannung ein Leistungsnachweis sein muss?

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